LESEPROBE: „der uhrmacher, der die zeit vergaß“
Einleitung - Die Einladung
HINWEIS: "Lesezeit: ca. 20 Minuten."
Es spielt keine Rolle, ob das, was du gleich lesen wirst, jemals wirklich geschehen ist oder ob man es messen oder beweisen könnte. Entscheidend ist nur eines: Wer wirst du, wenn du glaubst, dass das Leben so funktioniert?
Vielleicht arbeitet das Leben nicht gegen dich, sondern für dich – selbst dann, wenn es schmerzt. Vielleicht sind die Hindernisse auf deinem Weg keine Mauern, sondern Weichen. Vielleicht ist der Stein, der dich bremst, eine Stufe. Vielleicht sind die Geschenke, nach denen du dich sehnst, längst da – nur so ungewöhnlich oder schmerzhaft verpackt, dass du sie noch nicht öffnen willst.
Wir urteilen oft zu früh. Wir sehen nur ein einzelnes Stück und nennen es Chaos, weil wir das ganze Puzzle noch nicht kennen. Wir beißen in die Frucht des Lebens, wenn sie noch hart und bitter ist, und denken, sie schmeckt schlecht – dabei ist sie einfach noch nicht reif. Wir spüren den enormen Druck auf unseren Schultern und denken, wir zerbrechen – dabei ist es genau dieser Druck, der den Diamanten in uns formt.
Was, wenn die Dunkelheit, in der du steckst, kein Grab ist, sondern die notwendige Erde, in der ein Same reift? Was, wenn Stille keine Abwesenheit ist, sondern Vorbereitung? Was, wenn du nicht scheiterst, sondern geformt wirst?
Dies ist keine Geschichte über das Siegen. Es ist eine Geschichte über Vertrauen – darauf, dass der Kreis sich schließen wird. Denn am Ende ergibt alles einen Sinn. Und wenn es noch keinen Sinn ergibt, dann ist es noch nicht das Ende.
„Was, wenn du nicht scheiterst, sondern geformt wirst?“
Kapitel 1 – Der Riss im Beton
Hätte Elian an diesem Morgen gewusst, dass der schlimmste Tag seines Lebens in Wahrheit sein wichtigster war, hätte er den Regen vielleicht nicht verflucht, sondern begrüßt. Aber er wusste es nicht. Er sah nur das Grau, das die Stadt verschluckte, und sein eigenes Spiegelbild in der Glastür der Werkstatt: Ein hageres Gesicht, 38 Jahre alt, mit Augen, die seit langem keine Fragen mehr stellten, weil sie die Antworten fürchteten.
In seiner rechten Hand hielt er einen großen, braunen Umschlag. Das Papier war feucht. Er brauchte ihn nicht zu öffnen. Er kannte das Gewicht einer Absage. Er hatte es schon zehnmal gehalten. Dies war das elfte Mal. Sechs Jahre Arbeit an einem Roman, in dem er versucht hatte, der Welt sein Herz zu erklären. Und die Welt schickte es per Standardpost zurück. „Passt derzeit nicht in unser Programm.“
Elian schloss die Tür auf. Das vertraute Ticken empfing ihn. In seiner Werkstatt hingen, standen und lagen über hundert Uhren. Große Standuhren aus Eiche, filigrane Kuckucksuhren, präzise Chronometer aus Messing. Tick. Tack. Tick. Tack. Es war der Herzschlag der Kontrolle. Hier drinnen hatte jede Sekunde ihren Platz. Hier gab es keine Überraschungen. Nur Mechanik. Ursache und Wirkung.
Er legte den nassen Umschlag auf seinen Arbeitstisch. Daneben lag das zerlegte Werk einer antiken Taschenuhr, ein Erbstück eines ungeduldigen Kunden. Links der Traum, der nicht fliegen wollte. Rechts die Pflicht, die nicht funktionieren wollte.
Elian setzte sich. Er tat das Einzige, was er konnte: Er flüchtete in die Routine. Er klemmte sich die Uhrmacherlupe vor das Auge, griff nach der feinsten Pinzette und versuchte, das winzige Hemmungsrad an seinen Platz zu setzen. Seine Hand zitterte. Nur ein bisschen. Aber in der Welt der Uhren war ein bisschen eine Katastrophe.
Ping.
Das winzige goldene Rädchen sprang aus der Fassung. Es fiel auf die Tischplatte, hüpfte einmal, zweimal und rollte über die Kante. Elian hörte es auf dem Dielenboden aufkommen. Er sah, wie es eine Kurve beschrieb und zielsicher unter den massiven, tonnenschweren Eichenschrank rollte, der seit zwanzig Jahren an derselben Stelle stand.
Stille. Elian starrte auf den Spalt unter dem Schrank. Es war nur ein Zahnrad. Ein Stück Metall im Wert von wenigen Cent. Aber für Elian war es der Riss im Damm. In diesem Moment ahnte man: Nicht der Stein war ungewöhnlich – sondern der Mann, der ihn gefunden hatte.
Er schob den Stuhl zurück. Er rutschte auf die Knie. Er legte die Wange auf den kalten, staubigen Boden. Er streckte den Arm aus, tastete blind in der Dunkelheit unter dem massiven Holz. Staubflusen. Eine alte Münze. Spinnweben.
„Bitte“, flüsterte er. Seine Stimme brach. „Bitte, nicht auch das noch.“
Er tastete weiter. Seine Fingerspitzen berührten etwas Kühles. Hartes. Er griff danach, umschloss es und zog es hervor. Er setzte sich auf, den Rücken gegen den Schrank gelehnt, und öffnete die Hand. Es war nicht das Zahnrad. Es war ein Klumpen. Etwa so groß wie eine Walnuss, aber schwerer. Viel schwerer. Er sah aus wie Schlacke, wie verbrannte Erde, grau, pockennarbig, hässlich. Fremd.“
Elian hob die Hand, um ihn in den Papierkorb zu werfen. Doch er hielt inne.“ Denn da war eine Wärme. Obwohl der Stein unter dem kalten Schrank gelegen hatte, strahlte er eine eigenartige Hitze in seine Handfläche ab. Und an einer winzigen Stelle, kaum sichtbar, war die graue Kruste aufgebrochen. Ein Riss, dünner als ein Haar. Darunter schimmerte es dunkelviolett, fast flüssig.
Elian griff nach seiner Zange. Er war Uhrmacher. Er reparierte Dinge. Er öffnete Dinge. Er setzte die Zange an. Er wollte sehen, was darunter war. Er drückte zu. Der Klumpen gab nicht nach. Er drückte fester. Seine Knöchel wurden weiß.
Knack.
Nicht der Stein brach. Die Spitze seiner feinen Präzisionszange brach ab und schnitt ihm in den Daumen. Ein Tropfen Blut quoll hervor, dunkelrot, und fiel auf die raue Oberfläche. Das Blut lief nicht ab. Es sickerte ein. Und einen Moment lang glaubte Elian, der Stein würde pulsieren – ein dumpfes Pochen, synchron zu seinem Schmerz.
Er ließ die kaputte Zange fallen. Sein Blick wanderte zum Umschlag mit der Absage, dann zurück zu dem Klumpen, der sein Werkzeug zerstört hatte. Und zum ersten Mal an diesem Tag spürte er nicht mehr die Leere seines Scheiterns – sondern das vibrierende Geheimnis in seinen Händen.
„Das Wertvollste tarnt sich gern als Dreck, damit es in Ruhe reifen kann.“
Kapitel 1 – Der Riss im Beton - Teil 2
Er starrte den merkwürdigen Klumpen an und wusste nicht, wohin damit. Dann dachte er an Alma. Die alte Antiquarin aus der Gasse hinter seiner Werkstatt. Sie war die Einzige, die er kannte, die zwischen wertlosem Schrott und verborgenen Schätzen unterscheiden konnte. Oft hatte er für sie alte Uhren repariert; sie nannte ihn seit Jahren beim Vornamen, er sie hingegen immer höflich „Sie“. Eine Gewohnheit, die sich nie geändert hatte.
–
„Hör auf, ihn so anzuschreien.“
Die Stimme kam von hinter einem Stapel mannshoher Bücherregale, aus deren Ritzen Efeu wuchs. Elian fuhr herum. Er stand allein im Laden, den grauen Klumpen fest umklammert, und hatte gerade gedacht: Was für eine sinnlose Zeitverschwendung.“
„Ich habe gar nichts gesagt“, verteidigte er sich sofort.
„Du musst den Mund nicht aufmachen, um Lärm zu machen.“ Eine kleine Frau mit wildem, weißem Haar schob einen Stapel alter Landkarten beiseite. Ihre Brille saß schief auf der Nase, und ihre Schürze war voller Flecken, die aussahen wie Sternenstaub oder Blumenerde. Alma kam um den schweren Eichentresen herum. „Deine Zweifel sind so laut, dass meine Farne schon die Köpfe einziehen. Und deine Schultern schreien.“ Sie sprach mit ihm, als würde sie ihn schon ewig kennen – und in gewisser Weise tat sie das auch.
Sie blieb vor ihm stehen und deutete auf seine Hand. „Du hältst das Ding wie eine Waffe. Wie einen Feind, den du besiegen willst.“ Ohne zu fragen, nahm sie Elian den grauen Klumpen aus der Hand. Ihre Bewegungen waren überraschend sanft, fast ehrfürchtig. Sie legte den Stein nicht unter eine Lupe, wie Elian es getan hatte. Sie legte ihn an ihre Wange. Sie schloss die Augen und atmete tief ein.
Elian sah zu, irritiert. Seine rationale Seite wollte einschreiten. „Ist es wertvoll?“ fragte er, um wieder auf sicheren Boden zu kommen. „Ich denke, es ist eine Art Geode. Ich habe versucht, ihn mit der Zange zu öffnen, aber er ist hart wie Stahl.“
Alma öffnete ein Auge. Sie sah ihn nicht spöttisch an, sondern mit einer tiefen, fast mütterlichen Milde. Dann lachte sie. Es war ein junges, helles Lachen. „Ihr jungen Leute. Immer wollt ihr alles aufbrechen. Immer denkt ihr, der Schatz liegt darin, die Schale zu zerstören.“ Sie legte den Stein behutsam auf den Tresen zurück. „Das ist kein Stein, Elian.“
„Was ist es dann?“
„Eine Kapsel. Oder wie meine Großmutter sagte: Eine Träne der Erde.“
Elian starrte das hässliche graue Ding an. „Es sieht aus wie Müll.“
„Natürlich sieht es so aus. Wäre es glänzend und gold, hätte es längst jemand gestohlen. Das Wertvollste tarnt sich gern als Dreck, damit es in Ruhe reifen kann.“
Alma lehnte sich vor. Ihr Blick wurde ernst, die Heiterkeit verschwand. „Du hast geblutet, als du ihn gefunden hast, stimmt’s?“
Elian zog instinktiv seinen Daumen mit dem Pflaster zurück. „Woher wissen Sie...?“
„Er hat Durst. Er reagiert auf Leben. Nicht auf Metall. Nicht auf Willen. Nur auf Leben.“
„Und was soll ich damit tun?“
„Nichts“, sagte Alma.
„Nichts?“
„Du kannst ihn hier nicht öffnen. In dieser Stadt ist zu viel Lärm. Zu viel Müssen.“ Sie nickte zum Fenster, wo der Nieselregen die Straße hinunterlief. „Hier wird er ein Stein bleiben. Hart. Kalt. Tot.“
Elian spürte eine seltsame Unruhe. „Und wo wird er kein Stein mehr sein?“
Alma lächelte nicht mehr. Sie sah ihn an, als würde sie abschätzen, ob er stark genug war. „Dort, wo die Uhren schweigen“, flüsterte sie. Sie nahm seine Hand und legte den Stein hinein. Er war warm. „Geh nach Osten. Zum Rand des Nebels. Aber ich warne dich, Elian: Wenn du gehst, nimmst du nichts mit. Denn wer vollgepackt ist, hat keine Hände frei, um zu empfangen.“
„Wer vollgepackt ist, hat keine Hände frei, um zu empfangen.“
Kapitel 1 – Der Riss im Beton - Teil 3
Elian tat das, was jeder vernünftige Mensch getan hätte: Er ging nach Hause, schloss die Tür ab und versuchte, den Unsinn zu vergessen. Er legte den Stein in die hinterste Ecke der Schublade, zwischen Rechnungen und Büroklammern. Schob sie zu. Ein endgültiges Geräusch. „Eine Träne der Erde“, murmelte er und schüttelte den Kopf. „Ich bin Uhrmacher, kein Märchenerzähler.“
Er stellte Kaffee auf, obwohl der Abend längst hereingebrochen war. Wach bleiben – das war die Devise. Funktionieren. Irgendwie beweisen, dass die Welt noch dieselbe war wie am Morgen.
Mit der Tasse in der Hand setzte er sich an den Tisch, zog ein frisches Blatt aus dem Stapel und starrte es an. Ein Satz entstand. Ein Strich. Ein neuer Versuch. Wieder verworfen. Schließlich knüllte er das Papier zusammen, als ließe sich damit die ganze bleierne Müdigkeit aus seinem Kopf pressen.
Die Wohnung war still. Normalerweise beruhigte ihn diese Stille. Heute hatte sie Zähne. Tick. Tack. Tick. Tack. Standuhr. Wecker. Küchenuhr.
Früher war das der Rhythmus seines Lebens gewesen. Ein Takt, der sagte: Alles geht weiter. Alles hat seine Ordnung. Doch heute Nacht klang es anders. Es klang wie eine Forderung. Du musst. Du musst. Du musst.
Der Stein tickte nicht. Er forderte nichts. Er lag einfach da, im Dunkeln, unter Rechnungen. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit. Elian beneidete diesen Stein.
Stunden zogen vorbei, ohne dass er einen einzigen Gedanken zu fassen bekam. Schreiben war unmöglich, Schlaf erst recht. Er lag im Bett, starrte an die Decke und hörte, wie die Uhren die Sekunden seines Lebens in kleine Stücke schlugen.
Kurz nach drei gab er auf. Die Luft im Zimmer fühlte sich verbraucht an, als hätte er dieselben Gedanken immer wieder ein- und ausgeatmet.
Er stand auf, schlurfte zum Schreibtisch und zog die Schublade auf. Der Stein lag darin, grau, unscheinbar, still. Elian nahm ihn heraus; die Wärme darin war geblieben, als hätte der Klumpen ihn all die Zeit geduldig erwartet.
„Das ist lächerlich“, flüsterte er. „Du bist nur ein Stein.“
Aber als er ihn in der Hand hielt, wurde das Ticken der Uhren im Hintergrund leiser. Nicht weil sie stehenblieben – sie liefen ungerührt weiter –, sondern weil sein eigener Lärm im Kopf für einen Moment pausierte.
Er musste hier raus. Nur für einen Moment. Nur ein bisschen Luft schnappen. Er zog seinen Mantel über den Pyjama. Er steckte den Stein in die Tasche – einfach nur, weil er sich schwer anfühlte, und Schwere war gut, wenn man das Gefühl hatte, den Boden zu verlieren. Er nahm kein Gepäck. Er ging ja nicht weg. Er ging nur vor die Tür.
Er trat auf die Straße. Die Nacht war feucht und kalt. Die Stadt schlief ihren unruhigen Schlaf. Elian ging los. Ohne Ziel. Einfach weg von seiner Wohnung, weg von dem Manuskript, das nicht gut genug war, weg von den Uhren, die ihn hetzten. Er ging eine Straße weiter. Dann noch eine. Er dachte: An der nächsten Ecke drehe ich um. Aber als er an der Ecke war, fühlte sich der Gedanke an die Rückkehr an wie Ersticken. Also ging er weiter.
Er lief weiter, erst durch vertraute Straßen, dann hinaus in ruhigere Viertel. Die Gehwege wurden breiter, die Häuser flacher. Je länger er unterwegs war, desto seltener brannten die Laternen, und der Asphalt zeigte seine ersten Risse. Er hatte kein Ziel — nur die Gewissheit, dass er nicht zurückkonnte. Noch nicht. Vielleicht nie mehr.
Vor ihm begann der Nebel, der am Stadtrand über den Feldern lag. Elian blieb stehen. Sein Verstand schrie: Geh zurück ins Bett. Du hast morgen Arbeit. Seine Hand umschloss den Stein.
Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er auf, der Vernunft zu folgen – und folgte seinem Atem. Ein Schritt. Hinein ins Grau.
„Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er auf, der Vernunft zu folgen – und folgte seinem Atem.“
Kapitel 2 - Der Nebel
Der Nebel stand wie eine weiße, feuchte Wand vor ihm. Er schluckte jeden Laut und machte die Welt schmal. Elian war viel zu schnell gegangen. Seine Schuhe, feine Lederschuhe für die Werkstatt, waren längst durchnässt, seine Füße schmerzten, und in seinem Kopf lief das alte Programm: Wenn du dich anstrengst, kommst du an. Wenn du das Ziel nicht siehst, musst du schneller laufen.
Er hatte erwartet, dass der Nebel sich irgendwann lichten würde. Er hatte erwartet, einen Wegweiser zu finden, vielleicht eine Hütte, vielleicht diesen „Hain der Stille“, von dem Alma gesprochen hatte. Stattdessen fand er: nichts. Der Boden unter seinen Füßen wurde weich, dann morastig. Wurzeln brachen heraus wie knöcherne Finger. Dornensträucher griffen nach seinem Mantel, als wollten sie ihn festhalten.
Je länger er ging, desto unmerklicher veränderte sich der Boden unter seinen Schuhen. Der Nebel verschluckte Konturen, verzog Linien, ließ selbst den geraden Pfad wie etwas wirken, das sich schleichend verschiebt. Irgendwann spürte Elian, dass der Untergrund weicher wurde – zu weich für einen Weg.
Dann stand er vor dem, was wie der Rand eines überwucherten Hangs wirkte: Dornen, dicht verwoben, Brombeerranken, tote Äste, die ineinander griffen wie ein einziges dunkles Netz. Links dasselbe Gestrüpp. Rechts ein Stück Erde, das beim ersten Schritt ins Rutschen kam und den Sumpf darunter freilegte.
Elian blieb stehen. Stoßender Atem, die Kälte in der Lunge.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er.
Die Wut kam zuerst. Die vertraute Wut, die er kannte, wenn eine Uhr sich nicht reparieren ließ. In seiner Verzweiflung trat er hart in den schlammigen Boden, als könne er die Wand damit zum Einsturz zwingen. „Ich bin stundenlang gelaufen!“, rief er in den Nebel. „Ich habe alles richtig gemacht! Ich bin losgegangen! Wo ist der verdammte Weg?“ Der Nebel antwortete nicht. Er hing einfach da – schwer, gleichgültig, unbeeindruckt.
Elian trat gegen einen toten Baumstamm. Das morsche Holz gab nach, sein Fuß rutschte ab, und er landete im Matsch. Er richtete sich auf, die Hände schwarz vor Erde. Er zerrte an den Dornenranken, wollte sich einen Durchgang erzwingen. Ein Dorn schnitt ihm die Handfläche auf. Schmerz. Er ließ los.
Er stand da – dreckig, blutend, frierend. Und plötzlich war er nicht mehr achtunddreißig. Er war acht.
Es war nicht das erste Mal, dass er im Dunkeln nach den Wurzeln griff, bevor irgendetwas wachsen konnte. Es war sein altes Spiel: Er wollte sicher sein, bevor er vertraute – und gerade dadurch zerstörte er, was sich entfalten wollte. Die Dornen vor ihm, die Wunde in seiner Hand, das stockende Vorankommen – all das fühlte sich plötzlich vertraut an. Als hätte er diese Wand schon einmal gesehen, lange bevor sein Leben kompliziert wurde.
Er sah sich im Garten seines Großvaters. Es war Sommer. Ein Sommer, der nach Staub und Erwartung roch. Elian hatte einen Beutel mit Mohnsamen gefunden. Sein Großvater hatte ihm gezeigt, wie man sie säte: Nicht tief vergraben, nur leicht auf die lockere Erde streuen, fast wie Staub. „Und jetzt?“, hatte der kleine Elian gefragt. „Jetzt warten wir“, hatte der Großvater gesagt und sich eine Pfeife angezündet. „Mohn ist ein Träumer. Du darfst ihn nicht wecken.“
Elian hasste Warten. Warten fühlte sich an wie Bestrafung. Einen Tag lang war er um das Beet geschlichen. Nichts passierte. Nur braune Erde. Am zweiten Tag dachte er: Vielleicht liegen sie zu trocken. Vielleicht sind sie weggeflogen. Er musste es wissen. Er musste kontrollieren. Als der Großvater Mittagsschlaf hielt, schlich Elian zum Beet.
Vorsichtig, mit angehaltenem Atem, schob er mit den kleinen Fingern die oberste Erdschicht beiseite. Er suchte nach den schwarzen Punkten. Da waren sie. Aber sie waren nicht mehr schwarz und hart. Sie waren aufgequollen, weich und verletzlich. Und aus der Erde um sie herum zogen sich winzige, fast unsichtbare weiße Fäden – feiner als Spinnweben, zerbrechlicher als Glas.
„Sie leben!“, hatte der kleine Elian geflüstert. Er wollte die Erde schnell zurückschieben, doch die feinen Wurzelfäden klebten an seinen schwitzigen Fingern. Sie rissen. Lautlos. Endgültig.
Am nächsten Morgen war die Stelle grau und leblos. Kein Grün kam dort je hervor. Die anderen Samen keimten, aber Elians kontrollierte Stelle blieb tot. Damals hatte er geglaubt, Kontrolle sei Fürsorge. Heute wusste er, dass Kontrolle oft nur die höfliche Maske der Angst ist.
„Warum?“, hatte Elian geweint, als der Großvater neben ihm stand. Der alte Mann war nicht wütend. Nur traurig. „Du hast sie getötet, Elian.“ „Ich wollte nur nachsehen! Ich wollte sicher sein, dass sie wachsen! Ich wollte helfen!“
„Ich weiß“, hatte der Großvater gesagt und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. „Aber Wachstum verträgt kein Misstrauen. Die Wurzeln des Mohns sind so fein, dass schon dein Zweifel sie zerreißen kann. Du musst lernen, die Dinge im Dunkeln zu lassen, bis sie stark genug für das Licht sind.“
–
Zurück im Nebel. Elian sah auf seine schmutzigen, blutigen Hände. Die Wunde in seiner Handfläche pochte im Takt seines Herzens. Er stand vor einer Wand aus Dornen, weil er gerannt war. Weil er nicht vertraut hatte. Er hatte versucht, den Weg zu erzwingen – wie damals das Wachstum der Mohnblumen. Aber hier draußen zählte Anstrengung nicht.
Hier zählte Vertrauen. Vertrauen war nicht warm und nicht tröstlich. Vertrauen war ein Abgrund, über den man im Dunkeln trat – ohne zu wissen, ob dort drüben wirklich Boden war. Und Vertrauen hieß: aushalten, dass man nichts sieht.
Seine Beine gaben nach. Er ließ sich in den Matsch sinken, den Rücken an den morschen Stamm gelehnt. Die Kälte kroch durch seine Hose, aber es war ihm gleich. Er holte den Stein aus der Tasche. Grau. Hässlich. Noch immer verschlossen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte Elian leise zu dem Stein. „Ich sitze fest. Ich gebe auf.“
Der Stein antwortete nicht. Aber er wurde warm in seiner Hand. Und zum ersten Mal, seit er die Stadt verlassen hatte, versuchte Elian nicht aufzustehen. Er blieb sitzen. Er ließ die Dunkelheit einfach Dunkelheit sein.
Elian wusste nicht, ob das, was er fühlte, Angst war oder Hoffnung – und genau das machte ihn plötzlich wacher als der Kaffee auf seinem Tisch. Zum ersten Mal in seinem Leben war das Nicht-Wissen kein Feind mehr. Es war ein Raum. Ein Anfang. Etwas in ihm, leise wie ein frisch gekeimter Same, wagte zu atmen. Er ahnte nicht, dass der Stein bereits auf ihn wartete.
Du willst wissen, wie es weitergeht?
Die Leseprobe endet hier. Das volle Wissen wartet im Buch.

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